:beyli

Warum verletzen sich immer mehr Mädchen selbst?

Während die Selbstverletzungsfälle bei Jungen in den letzten ca. 15 Jahren nahezu konstant geblieben sind, haben die Zahlen bei den Mädchen deutlich zugenommen. Aber weshalb? Studien zufolge gelten soziale Medien, Druck Gleichaltriger und der Familie sowie die Objektifizierung von Frauen als Hauptgründe für diesen alarmierenden Trend.

Vor zwei Jahren nahm ein Forscherteam knapp 700 Berichte britischer Hausärzte der Jahre 2001 bis 2014 unter die Lupe. Ihre in der medizinischen Fachzeitschrift British Medical Journal veröffentlichten Daten ergaben, dass die gemeldeten Selbstverletzungsfälle unter Mädchen dreimal so hoch wie die der Jungen im Alter zwischen 10 und 19 waren. Bei Mädchen unter 17 fielen die Zahlen mit Abstand am höchsten aus – und nehmen rasant zu: ein Anstieg um 68 % in nur drei Jahren.

Sind Selbstverletzungen geschlechtsspezifisch?

Das Thema Selbstverletzung ist ein ernst zu nehmendes Problem, das in der Regel lediglich Teil einer noch schwerwiegenderen Angelegenheit ist und bei dem das Geschlecht der Person, die diesen Ausweg wählt, keine Rolle spielt. Scheinbar sind davon jedoch insbesondere Mädchen im Teenageralter betroffen. Nicht nur eine erste Selbstverletzungsphase zwischen 10 und 19 Jahren erleben drei- bis viermal mehr Mädchen als Jungen, sondern auch wiederholt auftretende Phasen sind unter Mädchen weitaus verbreiteter, so der staatliche Gesundheitsdienst NHS gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian.

Das spiegelt jedoch nicht zwangsläufig wider, was sich tatsächlich hinter geschlossenen Kinderzimmertüren abspielt. Die Autoren beider Studien räumen ein, dass Mädchen ggf. eher mit einem Arzt über Selbstverletzungen sprechen, da Jungen oftmals dazu erzogen werden, ihre Gefühle zu unterdrücken, und sich evtl. mehr schämen, offen über ihre psychischen Probleme zu reden.

Möglich ist auch, dass die Ärzte davon ausgehen, dass Mädchen häufiger zu Selbstverletzungen tendieren, weshalb sie in erster Linie diese darauf ansprechen. Dass diese Faktoren solchen Einfluss auf die Fallzahlen haben, dass sich damit der den Berichten zufolge – insbesondere bei den unter 13- bis 16-jährigen Mädchen – so enorme Anstieg erklären ließe, ist äußerst unwahrscheinlich, glaubt Nav Kapur, Forscher und Professor an der Universität Manchester.

„Übertreib es nicht mit den Süßigkeiten“

Laut Kapur komme es zudem bei einer wachsenden Zahl junger Frauen zu psychischen Problemen, da diese häufig angespornt durch Inhalte auf Online- und Social-Media-Seiten, auf denen Schönheitsfragen und Selbstverletzungen thematisiert werden, ihr eigenes Erscheinungsbild infrage stellen. Solche Inhalte stammen nicht selten ebenfalls von Mädchen im Teenageralter, die sich unter Druck gesetzt fühlen, oftmals generell in puncto Schönheit und Aussehen bestimmte Normen zu erfüllen.

Zudem werden Kinder, und vor allem Mädchen, allgemein stark von sozialen Medien, unsensiblen Werbe- und Medieninhalten, ja sogar Gleichaltrigen und der eigenen Familie beeinflusst. Pubertät und Jugend sind für sie von großen Unsicherheiten geprägt: So kann praktisch alles, von einem scheinbar harmlosen Kommentar wie „Übertreib es nicht mit den Süßigkeiten, sonst nimmt du zu“ bis hin zu kleinsten, gezielt sexistischen Angriffen, noch mehr zu dem Druck beitragen, mit dem sie sowieso schon Tag für Tag zu kämpfen haben.

„Während rund 10 % aller Mädchen bereits in der Grundschule mit ihrem Körper unzufrieden sind, steigt die Zahl im frühen Jugendalter, wenn die Pubertät einsetzt, sprunghaft an“, schrieb 2015 Praveetha Patalay, außerordentliche Professorin, Forscherin und UCL-Dozentin für physische Gesundheitsfragen. Das klingt auch heute noch glaubhaft. „In dieser Zeit tendieren eher Mädchen als Jungen dazu, sich selbst nur als Objekt zu betrachten, werden häufiger aufgrund ihres Gewichts und ihrer Figur gehänselt und sind von Freundes- und Familienseite höherem Druck ausgesetzt, schlank zu sein“, machte sie deutlich.

Krise? Am besten gleich um Hilfe bitten

Mädchen im Alter von 11, 12 und 13 „zeigten eine durch das Einsetzen der Pubertät ausgelöste geschlechtsspezifische Verletzlichkeit“, so Patalay. Laut Dr. Bernadka Dubicka, Vorsitzende der Kinder- und Jugendfakultät am Royal College of Psychiatrists in London, da helfe das Argument einer scheinbar „wachsenden psychischen Gesundheitskrise unter Kindern und jungen Erwachsenen“ nicht weiter.

Depressionen, Ängste, Essstörungen und die damit eng zusammenhängenden Selbstverletzungsprobleme spielen leider eine große Rolle. Glücklicherweise kann jeder von uns dazu beitragen, das Leben dieser jungen Menschen ein kleines bisschen besser zu machen. Zuallererst, indem nicht an Klischeevorstellungen festgehalten wird, wie Frauen aussehen und sich verhalten sollten.

Und wenn Sie jemanden kennen oder treffen, der unter psychischen Problemen leidet und sich selbst verletzt, helfen Sie ihm, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Sind Sie selbst betroffen, haben Sie keine Scheu, um Hilfe zu bitten, und sprechen Sie zunächst mit Familie, Freunden oder Ihrem Hausarzt. Sie können sich auch einfach durch die „netteren“ Teile sozialer Netzwerke wie Body-Positivity- und Selbstliebe-Gruppen auf Facebook klicken und Ihre Fragen in einem sicheren Umfeld besprechen. Gleich welchen Geschlechts oder Alters: Nehmen Sie ab sofort kein Blatt mehr vor den Mund!