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Es ist an der Zeit, das geschlechtsspezifische Lohngefälle (Gender Pay Gap) auszumerzen

Trotz der Tatsache, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden, verdienen Frauen in ganz Europa immer noch weniger als Männer, stoßen immer noch an die hindernde Glasdecke und werden immer noch mit vertikaler geschlechtsspezifischer Diskriminierung konfrontiert. Am Ende bekommen sie dann, insbesondere diejenigen, die Kinder großgezogen haben, niedrigere Renten. Werden Frauen jemals volle Gleichberechtigung erreichen?

Betrachtet man die Daten über vollzeitbeschäftigte Frauen aus dreißig europäischen Ländern, stellt man fest, dass ihr Stundenlohn um 19 % erhöht werden müsste, damit sie das gleiche Gehalt wie die Männer erreichen. In Frankreich würde dies beispielsweise einen Anstieg von 584 EUR auf 697 EUR pro Woche bei einer 40-Stunden-Arbeitswoche bedeuten. In einigen Ländern beträgt das geschlechtsspezifische Lohngefälle bis zu einem Drittel der Gehälter von Frauen, in anderen Ländern handelt es sich um wenige Prozentpunkte. Dieses Loch, in welches die Löhne von Frauen fallen, gibt es jedoch überall.

Was die Statistiken nicht erfassen

Da nur diejenigen Personen, die einen Lohn beziehen, in die Statistiken einbezogen werden, ist das geschlechtsspezifische Lohngefälle kein genauer Indikator für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Die niedrige und rückläufige Beschäftigung von Frauen in Ländern wie Italien oder Rumänien spiegelt die Tatsache wider, dass in weniger qualifizierten oder nicht qualifizierten Berufen einfach keine Frauen tätig sind. Größeres geschlechtsspezifisches Lohngefälle ist dann typisch für einen derartig stark getrennten Arbeitsmarkt, in dem in bestimmten Berufen (meist handelt es sich um „Pflegeberufe“ etwa im Bildungs- oder Gesundheitswesen) überwiegend Frauen tätig sind (Finnland, Estland oder die Tschechische Republik), oder für einen Arbeitsmarkt, in dem viele Frauen in Teilzeit arbeiten (Deutschland und Österreich). Und natürlich wird das Lohngefälle auch von Mechanismen beeinflusst, mit denen Löhne und Gehälter festgelegt werden. Jordan Peterson, ein kanadischer Psychologe, der von rechtsorientierten und antifeministisch gesinnten Laien gerne zitiert wird, erklärt, der Hauptgrund dafür sei die Bereitschaft der Frauen, die gleiche Arbeit für weniger Geld zu machen. Er spricht weiter davon, dass sie nicht bereit sind, ihr ganzes Leben der Karriere zu opfern und nachts um zwei Uhr E-Mails zu beantworten. Besonders wenn sie Kinder haben. Aha. Die Frage, ob es für jemanden gesund ist, nachts um zwei Uhr E-Mails zu beantworten, lässt er unbeantwortet.

Bestraft (nicht nur) für die Mutterschaft

Zum Teil hat Peterson allerdings recht. Dem Feminismus wird ungefähr erst in den letzten hundert Jahren Gehör geschenkt, das Patriarchat begleitet uns hingegen seit Tausenden von Jahren. Deshalb ist es schwierig, die Muster, in denen Frauen meistenteils erzogen wurden, von einem Tag auf den anderen zu ändern. Sie sollen brav und gehorsam sein. Sie sollen keine Probleme machen und froh sein, überhaupt eine Arbeit zu haben. Denn sonst können wir uns das geschlechtsspezifische Lohngefälle nicht erklären. Es hängt nicht mit Alter, Familienstand, Wohnort oder Bildungsniveau zusammen. Es existiert auf der ganzen Welt als etwas, über das man nicht diskutiert, und was eigentlich ganz normal ist, egal wie unbegreiflich es ist. Darüber hinaus verfolgen die niedrigeren Löhne die Frauen auch im Ruhestand, womit sie eigentlich für die Zeit bestraft werden, in der sie sich um Kinder gekümmert haben. Zum Beispiel haben Frauen in der Tschechischen Republik im Durchschnitt eine um ein Fünftel niedrigere Rente als Männer.

Und lassen Sie sich nicht täuschen! Auch wenn Frauen in den meisten europäischen Ländern eine höhere Bildung als Männer erreichen. Gleichzeitig gelingt es ihnen nur in Ausnahmefällen, die sogenannte Glasdecke durchzubrechen. Kurz gesagt, die interessantesten Angebote werden immer noch auf Golfplätzen bei Treffen von Topmanagern unterbreitet, zu denen Frauen nur minimal eingeladen werden. Und diejenigen, die ihre Karriere nicht „über das Bett“ machen wollen, die also nicht mit ungleichen Regeln spielen wollen, werden oft damit konfrontiert, dass ihre Fähigkeiten und Kompetenzen übersehen werden. Und dann gibt es ganze Sektoren, die hauptsächlich von Frauen besetzt sind und deren konstante Unterbewertung niemanden mehr überrascht. Dies trotz des Umstands, dass unsere Gesellschaft nur schwer ohne sie auskommen würde. Typische Beispiele sind das Bildungs- und Gesundheitswesen.

Niemand wird es für uns tun

Dadurch, dass man über das geschlechtsspezifische Lohngefälle immer mehr redet, erscheint jedoch ein Licht am Ende des Tunnels. Einige Länder beginnen, Schritte zu unternehmen, um dem Lohngefälle ein Ende zu setzen. Die Europäische Kommission empfiehlt verschiedene Maßnahmen, von der Lohntransparenz, die den Mitarbeitern ermöglicht, ihre Gehälter mit anderen zu vergleichen, bis hin zu gesetzlichen Änderungen. Island hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, mit dem man mit dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle ein für alle Mal Schluss machen will. Es liegt aber immer noch vor allem an den Frauen, sich für gleiches Entgelt einzusetzen. Das müssen wir Jordan Peterson lassen. Wenn er sagt: „Sie müssen ständig Druck ausüben und kämpfen, damit Sie von den Unternehmen so bewertet werden, wie Sie es verdienen“, hat er recht. Es ist zwar traurig, aber so ist das Leben. Wenn wir bis in alle Ewigkeit auf den Prinzen auf dem weißen Pferd warten werden, der uns Gerechtigkeit verschafft, werden wir sie wahrscheinlich nie erreichen. Es ist an der Zeit, den Mund zu öffnen und etwas zu sagen!