:beyli

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Still toleriertes Machtgehabe

Als im Oktober 2017 die Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter alle, die irgendwann sexueller Belästigung oder gar Gewalt ausgesetzt waren, dazu aufforderte, dies unter dem Motto „me too“ zu melden, löste dies eine regelrechte Lawine aus. In nur vierundzwanzig Stunden sammelte sie eine halbe Million Reaktionen und der Name Harvey Weinstein dominierte schlagartig die Titelseiten der Journale nicht allein in den USA, sondern weltweit. Sexuelle Belästigung wurde schlagartig zur gesamtgesellschaftlichen Debatte. Mit entsprechender Resonanz. Kein Wunder.

Der prozentuelle Anteil der Amerikaner, die meinen, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ein ernsthaftes Problem sei, wuchs zwischen 2011 und 2017 von 47 auf 64 %. Viele Frauen fassten erstmals den Entschluss, über ihre Erfahrungen mit zudringlichen Kollegen oder Chefs zu reden. Und viele von ihnen wurden mit der Frage konfrontiert: „Und können Sie das irgendwie beweisen?”

Jede zweite von uns

Im Januar 2018 veröffentlichte die gemeinnützige Organisation Stop Street Harassment eine Studie, die diese „fehlenden“ Beweise preisgibt. Aus ihr ging hervor, dass 81 % der Frauen und 43 % der Männer im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht haben. Die Studie konzentrierte sich darauf, wo es zu diesen Belästigungen kommt. Die Mehrheit der Frauen, konkret 66 %, wurde in der Öffentlichkeit belästigt. 38 % am Arbeitsplatz. Laut den 2017 von BBC veröffentlichten Ergebnissen einer Umfrage ist die Situation im Vereinigten Königreich noch etwas schlimmer. Ganze 53 % der Frauen erlebten auf der Arbeit oder in der Schule Belästigung sexuellen Charakters. Und ganze 63 % von ihnen verschwiegen dies.

Es ist doch gar nichts passiert!

„Die Ergebnisse zeigen, dass es um ein weit verbreitetes Problem geht“, meint Holly Kearl, eine der Autorinnen der amerikanischen Studie. „Sexuelle Belästigung galt bis unlängst noch als etwas, was einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist. Häufig wird sie als Kavaliersdelikt abgetan – im Unterschied zu sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigung. Nichtsdestotrotz kann gerade die Bagatellisierung der Belästigung vernichtende, ja fatale Folgen für die Opfer haben.

Lassen Sie sich nicht zum Schweigen bringen!

Mindestens genauso häufig kommt es vor, dass das Opfer weder protestiert, noch sich widersetzt, weil es sich erniedrigt fühlt und ihm die Konfrontation mit dem Belästiger extrem unangenehm ist. Auch befürchtet es, dass sich eine eventuelle Anschuldigung sogar ins Gegenteil verkehrt und möglicherweise seine Karriere beendet. Unter diesen prekären Bedingungen ist es emotionell schwierig, das Problem laut anzusprechen. Mitunter reicht nämlich ein: „Das ist mir unangenehm, bitte tu das nicht mehr”, bei weitem nicht aus. Sexuelle Belästigung ist ein Akt der Gewalt. Deshalb ist es so wichtig, nicht zu warten, bis einem selbst so etwas passiert, sondern sich sofort für das Opfer einzusetzen und so das Umfeld zur Lösung des Problems zu schaffen. Sei es dadurch, indem man darüber redet, was vor sich geht und über die Emotionen, die dies beim Opfer hervorruft oder durch Abfassen einer Beschwerde an die Personalabteilung oder eines Reports an den Abteilungsleiter. Nur dann, wenn ein solches Verhalten aufhört, in aller Stille akzeptierte Norm zu sein, bleiben unseren Kindern die gleichen Erfahrungen erspart.