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Investigative Journalistinnen sind Heldinnen - trotz aller Vorurteile

Sexismus, Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Bedrohungen im Internet sowie im realen Leben sind für Journalistinnen auf der ganzen Welt alltäglich. Unabhängig davon, in welchem Land sie leben und inwieweit sie bei der Arbeit ihr Leben riskieren, werden sie immer noch mit den gleichen Problemen von Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts konfrontiert. Sie weigern sich dennoch aufzugeben.

„Als ich in den Niederlanden Journalistik studiert habe, forderten mich meine Lehrer immer wieder auf, für eine Frauenzeitschrift arbeiten zu gehen“, sagt die Niederländerin Gessje Van Haren. „Und ich dachte mir, das nun wirklich nicht. Ich möchte investigativen Journalismus betreiben“, erklärt sie. 2004 hat sie beschlossen, ihr eigenes Medienunternehmen Vespers.nl und eine Plattform für investigativen Journalismus zu gründen. Zu ihren Projekten gehört beispielsweise die Aktion „Lost in Europe“, die nach 10 000 Migrantenkindern sucht, die bei ihrer Ankunft auf unserem Kontinent verlorengegangen sind. Journalisten aus Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Italien arbeiten dabei zusammen und werden bei ihrer Suche mit einem Sumpf aus Korruption, sexuellem Kindesmissbrauch, mit Entführungen und weiteren Problemen konfrontiert, auf die die verletzlichsten Gesellschaftsmitglieder treffen.

Empathie als Waffr

Hier ist Empathie sehr hilfreich, wofür gerade Journalistinnen oft kritisiert werden. Das bestätigt auch Cecilia Anesi, Mitbegründerin der Organisation Investigative Reporting Project Italy (IRPI), die sich in Norditalien mit Fällen von Missbrauch öffentlicher Gelder, organisierter Kriminalität und unethischem Verhalten von Unternehmen befasst. „Wir haben an Vergewaltigungsfällen gearbeitet und es half besonders, wenn Frauen mit den Opfern sprachen. In der südeuropäischen Kultur herrscht jedoch noch immer die Ansicht vor, dass Frauen keine gefährlichen Berufe ausüben sollten“, sagt sie.

Den weißen Männern zum Trotz

Investigativer Journalismus ist nicht nur ein Beruf, sondern gleichzeitig eine wichtige Mission, für die sich Journalistinnen oft zum Nachteil aller anderen Dinge im Leben einsetzen und häufig auch das eigene Leben riskieren. Zu ihnen gehört die Tschechin Pavla Holcová, die das Tschechische Zentrum für investigativen Journalismus gegründet hat und sich mit den unterschiedlichsten Fällen vom Waffenschmuggel bis hin zur organisierten Kriminalität befasst. „Wenn ich mich manchmal unterschätzt fühle, ist das meistens wegen eines ‚weißen Mannes bestimmten Alters ‘, womit ich die von der alten Schule betitele. Oft wird uns mit skeptischen Bemerkungen vorgeworfen, dass wir unsere Arbeit nicht richtig erledigen können und nicht ausdauernd genug seien“, erläutert sie.

Jetzt sehen Sie mal gut hin!


Geesje van Haren identifiziert sich mit ihr als eine Frau, die ihre eigene investigative Plattform gegründet hat. Auch sie hat Erfahrungen mit unfairer Kritik von älteren männlichen Kollegen, besonders von solchen, die in traditionellen Medienhäusern arbeiten, gemacht. „Als ich angefangen habe, behandelten mich Leute von Firmen, die bereits länger bestanden als meine, wie ein kleines Mädchen. Sie sagten, dass ich dies und das nicht tun könne. Darauf antworte ich dann: ‚Dann sehen Sie mal gut hin‘ “, lacht sie.

Angriff als Bonus


Die Tatsache, dass Frauen vom medialen Establishment unterschätzt werden, ist mit Beweisen untermauert. Der 2011 von der Stiftung International Women´s Media Foundation (IWMF) veröffentlichte Bericht Global Report on the Status of Women in News Media spricht davon, dass 73 % der höchsten Managerstellen im Journalismus mit Männern besetzt sind. Im Falle des investigativen Journalismus sind Männer wie Frauen von Gefahren und anderen mit ihrer Arbeit verbundenen Schwierigkeiten betroffen. Darüber hinaus sind Frauen auch noch sexueller Gewalt und Belästigungen online und offline ausgesetzt. 2018 berichtete die IWMF, dass 63 % der Journalistinnen online belästigt wurden und 58 % in der realen Welt. 26 % von ihnen erlebten tatsächliche körperliche Übergriffe.

In einem solchen Umfeld ist es kein Wunder, dass auf die Frage, welchen Rat sie jungen Frauen und Mädchen, die in die Branche eingestiegen sind, geben würden, sowohl Holcová als auch Van Haren gleichermaßen reagieren. „Helft Euch gegenseitig. Versucht nicht, wie Männer zu sein. Seid Ihr selbst“, empfehlen sie. Oder, wie Madeleine Albright sagt: „In der Hölle gibt es einen extra Platz für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.“